Roquefort

aus: »Ft« oder Das Recht auf Faulheit

Wer für stürmische Flüsse schwärmt und die weiten Wiesen liebt, wer zärtlich Eichelhäher tätschelt und mit Herzenswärme Hasenpfötchen hätschelt, für den gibt es nur eine, die er lieben wird, und das ist die Natur. So erging es vor langer Zeit auch einem jungen Burschen in Frankreich. Beim Gedanken an ihre natürliche Schönheit, an ihr reines Naturell, war es schnell um ihn geschehen und er beschloss, alles dafür zu tun, um seiner Geliebten so nah wie nur möglich zu sein. Er wurde Schäfer; und einige Jahre lang war er beim Schafehüten selig, weil eins mit ihr.

Eines Tages aber wurde das Idyll dieser reinen Zweisamkeit getrübt, der Hir­te wurde flatterhaft. Als er nämlich die grasende Herde kurz aus den Augen und seinen Blick stattdessen über die herrliche Landschaft schweifen ließ, hielt er irritiert inne. Ihm stockte der Atem. Aber nicht, wie sonst üblich, weil er den Klang eines beson­ders prächtig plätschernden Bächleins vernommen oder einen sagenhaft stattlichen und sensationell sattgrünen Baum erblickt hatte. Nein, er sah ein bildschönes Mädchen, dort, am Ende der Weide, zwar weit entfernt, aber doch so nah, dass er sich sicher war, er könne es erreichen, wenn er nur schnell genug eilte. Rasch packte er seine sieben Sachen, ruckzuck war sein Bündel voll; zu voll jedoch für sein Vesper, das er drum in einer nahege­lege­nen Höhle zurückließ, geschützt vor Wind und Wetter. Hatte er doch ohnehin so viele Schmet­terlinge im Bauch, dass weder für Roggenbrot noch für Schafs­kä­se Platz war. Dann zog er los, überließ die Herde dem Hund und die Schafe ihrem Schicksal.

Drei ganze Monate dauerte die liebesblinde Lustpartie. Um des siebten Himmels willen war dem Hirten alles einerlei geworden: Die Arbeit blieb unverrichtet, die Pflicht war ihm nichtig, die Verantwortung nicht mehr wichtig. Doch wo die schnelle Liebe hinfällt, ist sie bald hinfällig, und so kam er schließlich doch wieder zurück. Weil er nicht nur müde vom Gehen sondern auch ausgehungert vom Begehren war, wollte er sich unverzüglich auf das ver­steckte Proviant stürzen, schritt schnurstracks in die Höhle und sah zu seinem Ent­setzen, dass ein fieser Schimmelpilz nicht nur das Brot ungenießbar gemacht, sondern noch dazu den Käse befallen hatte. Der hungrige Hirte war den Tränen nahe, doch in seiner Verzweiflung biss er trotzdem zu, zunächst zaghaft, dann kräftiger, und sie­he da, der schimmelige Kä­se schmeckte … gut !

So hat ein junger lie­bes­toller, pflichtvergessener Taugenichts den Roquefort er­fun­den.

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