DiogeneS

aus: »Ft« oder Das Recht auf Faulheit

Selten kommt der Knochen zum Hund, doch für Dio­genes machte er eine Aus­nah­me. Er kam. Der Knochen? Nein, Alexander. Als die alten Griechen nämlich Alexander den Großen zu ihrem obersten Feldherrn erkoren hatten, kam alles, was Rang, Namen und Bei­ne hatte nach Korinth, um Hän­de zu schütteln und Schultern zu klopfen. Nur auf die Glückwünsche des bedeu­tenden Denkers Diogenes wartete Alex­ander vergebens, bis er schließ­lich beschloss, dass auf Warten Taten folgen sollten. Und so zog Alexander der Große höchstpersönlich los, um den zufriedensten, weil wunschlosesten, Mann seiner Zeit zu besuchen.

Der lag gerade genüsslich in der Sonne, vielleicht, um seine Sonnenbräune aufzufrischen, vielleicht aber auch nur um des schönen Lebens willen. Denn ein schönes Leben, ja, das führte der gescheite Sohn eines geschei­terten Geldwechslers. Oder zumindest ein müßiges. Er zelebrierte die Kunst des Nichts­tuns, nutzte den Tag zum Dösen und Schlummern und dachte dabei nicht im Traum an Arbeit. Und wieso sollte er auch: Sinn und Zweck der Arbeit ist immerhin das Geldverdienen. Doch wer nichts braucht, braucht auch kein Geld, um Brauchbares und Unbrauchbares zu bezahlen. Und Diogenes brau­chte nicht viel mehr als das Leben selbst.

Zu seiner eher beschei­denen Lebensweise gehörte auch der Verzicht auf häusliche Habseligkeiten und an­deren Schnickschnack. Diogenes wohnte lieber in einer Tonne statt in den eigenen vier Wänden; Becher, Tas­sen und Gläser ersetzte er geschickt durch die eigenen zwei Hände und Teller fand er nicht halb so toll wie ausgehöhlte Brotlaibe. Die mussten immerhin nicht gespült werden, und so fiel in seiner Tonne nur selten Hausarbeit an.

Während Diogenes mit seiner genügsamen Bedürfnis­losigkeit überaus zufrieden war, waren die übrigen Athener anderer Meinung. Sie gaben ihm den bissigen Beinamen »der Hund«. Aber statt wütend darüber den Kopf in die Tonne zu stecken, nahm er den Na­men ein­fach an – ob aus purer Tierliebe oder aus provokanteren Gründen, ist un­gewiss. Sicher hingegen ist, dass es tatsächlich einige Gemeinsamkeiten zwischen einem Hund und Diogenes gab: Auch er liebte das sorglose Liegen in der Sonne, eine Tätigkeit, der er so oft wie gerne nachging – und bei der Alexander der Große ihn einst störte.

Diogenes wur­de beim Dösen nur sehr ungern unterbrochen und ignorierte Belästigungen so gut es ging. Doch Alexander der Große warf einen noch größeren Schatten. Diogenes erwachte sofort, als der Feldherr vor ihm stand. Auf die Frage, ob Diogenes einen Wunsch habe, den er, der großmütige Alexander, ihm erfüllen könne, antwortete Diogenes: »Geh mir nur ein bisschen aus der Sonne«. Und nach­dem Alexander ihm diesen Wunsch erfüllt hatte, gab er beeindruckt zu: »Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein.«

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