Ein Sehr sehr sehr sehr sehr sehr langer Text über die Lesefaulheit

aus: »Ft« oder Das Recht auf Faulheit

Das Lesen ist kein Ponyhof – das wissen viele und vor allem die, die lesefaul sind. Lesefaule müssen ein Buch gar nicht erst aufschlagen. Sie wissen auch so, wie die Geschichte ausgehen wird: Am Ende findet das Buch den Weg ins Regal. Ungelesen. Denn Lesefaule lesen ungern. Da kann noch so viel Liebe in den Büchern stecken, können noch so viele Kämpfe ausgetragen und Abenteuer erlebt werden – was ein echter Lesefauler ist, für den bleibt jeder Klassiker der Weltliteratur ein Buch mit sieben Siegeln. Es sei denn, das Buch wird verfilmt, was schon mal vor­kom­men kann, oder besser gesagt, ständig passiert, denn das Publikum strömt in Scharen in die Kinos und lässt Kinokassen heller klingeln. Es ist offensichtlich: Literatur­ver­filmungen haben ihren Reiz. Andere quälen sich Seite für Seite durch prügeldicke Schmöker, während der Lese­faule sich gemütlich mit Popcorn und Cola im Kinosessel verkriecht und sich mit einer aufs We­sentliche reduzierten Version füttern lässt.

Lesefaule Menschen finden Menschen, die nicht lese­faul sind, komisch. Dabei mögen sie noch so tolerant sein. Dass man sich in einem Buch verlieren, die Zeit verges­sen und sich erst mit müden Augen, aber schweren Herzens von den gebundenen Seiten trennen kann – das ist für Leute, die Bücher meiden, nicht nachvollziehbar. Aber was unterscheidet die einen von den anderen? Menschen, die gerne lesen, sind furchtlos. Die haben kei­ne Angst vor dicken Wälzern, eng beschriebenen Seiten, zu langen Sätzen und unbekannten Wörtern. Die haben die Bücher fest im Griff und den Dreh raus, wie man Bücher am besten hält, ohne dass der Arm nach sieben Seiten schmerzt. Wie man die Augenmüdigkeit, die nach spätestens zehn Minuten eintritt, überwindet. Die können sich kon­zentrie­ren und müssen nicht ein und denselben Satz wieder und wieder lesen und wieder und wieder lesen und wieder und wieder lesen, weil sie zwischendurch da­rü­ber nachdenken, dass es mal an der Zeit wäre, das Fens­ter zu säubern, den Hof aufzuräumen, den Hemdsärmel zu säumen und vergangenen Zeiten nachzuträumen.

Dabei ist es nicht nur die Leidenschaft fürs Lesen, die den Leser eigenartig erscheinen lässt. Leser sind auch deshalb seltsam, weil sie sich so sonderbare Spitznamen geben. »Bücherwurm«. Wer will denn schon aus freiem Wil­len ein Wurm sein?! Winzig, glitschig und leicht zu zertreten. Oder eine »Leseratte«. Gibt es ein schlimmeres Tier als die Ratte? Wer will denn bitte in der Kanalisa­tion leben, umgeben von schmierigem Schlonz, von schmutzigem Schmod­der, um dort nichts anderes zu tun, als Abfälle zu fressen und Krankheiten zu verbreiten, jeden tristen Tag aufs Neue und das ein ganzes Leben lang, bis irgendwann, und da­mit meine ich besser früh als spät, ein Auto­reifen endlich Gnade zeigt und das elende Dasein beendet.

Aber ich schweife ab. Warum sind Lesefaule eigentlich so lesefaul? Schließlich sind Geschichten doch eine feine Sache. Was ein normaler Mensch nicht unbedingt am eigenen Leib erfahren kann oder darf oder soll oder will, kann er in Büchern und ihren Geschichten miterleben. Dabei wird ihm nicht jedes Detail vorgekaut. Manchmal muss er auch zwischen den Zeilen lesen, seiner Phantasie die Zügel lockern und sie in die weite Welt entfliehen lassen. Denn beim Lesen entscheidet jeder für sich, wie das Wo und wer dort wie auszusehen hat. Da wären zum Beispiel die Hauptdarsteller. Sympathisiert der Leser mit dem männlichen Hauptdarsteller, hat das in der Regel ei­nen positiven Effekt auf dessen Äußerlichkeiten. Dann ist der Protagonist gut gebaut oder groß, aber nicht zu groß, eher so mittelgroß, eben genau richtig. Auch der Ge­stalt der Haare sind keine Grenzen gesetzt, von wild und wuschelig bis gepflegt oder geschniegelt, blond, grau, rot, braun, alles ist möglich, je nach Wunsch und Wollen. Viel­leicht ist die Hauptperson aber auch eine Protagonis­tin, die ohne viel Aufwand zur Traumfrau wer­den kann. Volle Lippen treffen auf pralle Brüste, dazu Beine bis zum Hals oder bis zu den splissfreien Haarspitzen, und auch der Rest ist ganz passabel. Während die Guten also gut wegkommen und auch so aussehen, können die Bösewichte mit einfachen Mitteln entstellt werden. Mag der Leser den Schurken in der Geschichte nicht, so wünscht er ihm kurzerhand die Pest an den Hals, ein Ödem ins Auge und Herpes auf die Stirn. Anders als Fil­me, die ihr Publikum mit Bildern statt Buchstaben berieseln, die ihre Geschichte vorgekaut und durchgedacht auf einem Silbertablett servieren, lassen Bücher ihre Leser mitbestimmen.

So gesehen ist Lesen ein spaßiger Zeitvertreib. Oder könnte es sein. Wenn man nur nicht so lesefaul wäre. Denn dann ist Lesen Arbeit. Wenn da nicht diese endlosen Sätze wären, mit Abertausenden von Nebensätzen, die eh nur beschreiben, was gerade nebenher – also während der Haupthand­lung, die eigentlich für sich schon ausrei­chen würde und für die alleine man schon genug Kon­zentration braucht, um zu verstehen, was der Protagonist oder die Protagonisten gerade tun oder denken oder eben nicht tun, aber denken, dass sie es tun sollten, oder umgekehrt, tun, obwohl sie genau wissen, dass sie es nicht tun sollten, oder beides bleiben lassen, weil sie zu faul zum Tun und zum Denken sind, oder es sind doch ganz andere Gründe, die sie dazu bringen, etwas, das getan werden könnte oder sollte, bewusst zu unterlassen, und schließlich hat man so viele Nebensätze und Verschachtelungen gelesen, dass man schon gar nicht mehr weiß, was am Anfang des Satzes stand und mit welchem Verb er enden könnte – passiert.

Es ist also nicht immer alles eitel Sonnenschein zwischen Titelblatt und Klappentext. Neben Sätzen ohne Punkt und Komma schikanieren Autoren ihre Leser zudem mit unnötigen wie unverständlichen Fremdwörtern, die kein Mensch kennt, es sei denn, man hat ein zehn Jahre langes Linguistik-Studium hinter sich und legt Wert darauf, beim Kommunizieren mit Gesprächspartnern, deren IQ unter 400 liegt, unverstanden zu bleiben. Wer beim Lesen a priori nur jedes zweite Wort versteht, verliert sukzessive das Amusement an dieser kontemplativen Beschäftigung und entwickelt zudem ein leises Ressentiment ge­genüber dem Autor des Textes, der sich selbst ostentativ als maliziöser wie jovialer Antagonist des profanen Lesers diskreditiert. Eklatant ist der Vorteil für den despotischen Verfasser, denn jeder noch so triviale Kokolores schafft mit einem pittoresken Terminus versehen Distink­tion. Doch de facto dient eine preziöse Diktion meist nur dazu, banale Aussagen zu kaschieren. Gleichzeitig ist dieser Duktus ein immanenter Malus, denn durch die, häu­fig barock eingesetzte, dissonante Semantik geht empirisch die Quintessenz verloren, ebenso wie die Motiva­tion des Lesers diminuiert wird. Ein exuberanter Gebrauch von Fremdwörtern ist ergo nur selten opportun. Statt­dessen sollte man als Autor versuchen, die gehobene Sprache zu simplifizieren und Fremdwörter nur sporadisch einzusetzen, statt den Inhalt für den gemeinen Bibliomanen hermetisch abzuriegeln. Denn je mehr der Verfas­ser mit pathetischem und prätentiösem Wortschatz seine Hybris zelebrieren möchte, desto indignierter ist der Leser am Ende. Schließlich resigniert er und legt das Buch final beiseite – verständlich, nach einer solch indisku­tablen mentalen Diskreditierung.

Wieso machen Autoren es ihren Lesern so schwer, ins­besondere den lesefaulen? Ist es denn wirklich so schwie­rig, kurze, knappe Sätze zu schreiben? Sätze, die von der Leserschaft auch ohne dreimaliges Drübergehen verstanden werden? Wieso schreibt niemand ein Buch für Lektüreabstinente? So kompliziert kann das doch nicht sein. Essenziell bei diesem Vorhaben ist eine lapidare Aus­drucksweise. Oder besser gesagt: Wichtig ist es, Fremd­wörter zu vermeiden und lieber mal der deutschen Sprache zu vertrauen. Die kann nämlich so einiges und ist mit einem Wortschatz, der zwischen 300 000 und 500 000 Wörtern liegt, reich genug. Aber Wörter allein ergeben noch lange keinen Text. Ein Text, wie er im Buche steht, besteht aus Sätzen. Sätze bestehen zwar wiederum aus Wörtern, aber die kommen eben nicht allein aus. Sie brauchen jemanden, der sie bei der Hand nimmt und ihnen zeigt, wo ihr Platz ist, an wen oder was sie sich anpassen sollen, ob sie sich großma­chen oder kleinbleiben müssen.

Auch Punkt und Komma sind nicht zu verachten. Oder wä­ren es … besonders in langatmigen und wortreichen Sätzen in denen man viel zu sagen hat und deshalb länger braucht um auf den Punkt zu kommen Sätze ohne Satzzei­­chen sind immer beschwerlich und nur selten verständlich vor allem wenn sie durch Einschübe Relativsätze und anderen Schnickschnack in die Länge gezo­gen werden. Punkt. Interpunktion – kann helfen, muss, aber, nicht, denn manchmal ist der korrekte Ein. Satz. schwerer: als man denkt und, man zerbricht sich; den Kopf – da­rüber! Ob Punkt oder Komma, Bindestrich oder nicht.

Wer sich selbst beim Setzen von Kommata und Ausrufezeichen nur schwer zügeln kann, verzichtet am besten auf ausgedehnte Wortgebilde. Besser als alle langen Sätze sind eh kurze. Wer braucht schon Nebensätze? Hauptsache, es gibt Hauptsätze. Alles andere ist nebensächlich.

Vielleicht brauchen die Lesefaulen unter uns gar nicht viel, vielleicht motivieren sie bereits kleine Erfolge wie das Umblättern einer Seite. Da ist es dann: das großartige Ge­fühl, etwas geschafft zu haben, vorangekommen zu sein und statt der zigtausend Seiten nur noch zigtausendminuseine vor sich zu haben. Umblättern gleicht einer Belohnung, und während man nach dem letzten Wort die Sei­te ergreift, selbige zwischen den Fingern hält, blättert, und am Ende zufrieden über den Falz in der Mitte streicht, kann man sich innerlich durchaus auf die Schulter klopfen. Je öf­ter und schneller man belohnt wird, desto spaßiger ist das Lesen. Darum greifen Lesefaule gerne zu Büchern mit vielen Absätzen.
Ein Absatz

hier.

Oder da.

Und schon hat man ein Viertel der Seite ohne viel Qual und mit nur wenig Mühe gelesen.

Apropos Seiten: Je weniger Seiten, desto dünner das Buch, desto besser ist es für lesefaule Leser geeignet. Einer­seits ist die Angst vor dem Beginnen geringer. Andererseits haben Lesefaule die zum Halten der Bücher nötigen Muskeln nur bedingt aufgebaut und müssen deshalb, wohl oder übel, erstmal klein anfangen. Aber keine Sorge, der stete Tropfen höhlt den Stein und Übung macht den Meister, und wer es trotzdem nicht erwarten kann, endlich Gewichtiges zu lesen, der kann das Ganze auch mit regelmäßigen Besuchen im Fitnessstudio beschleunigen.

Was am Ende bleibt, ist die Erkenntnis, dass Lesen gute wie schlechte Seiten hat. Und damit ist diese viel zu lange Darstellung der Lesefaulheit endlich beendet. Viel zu lang? Macht ja nix. Wird ja ohnehin keiner lesen.

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