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aus: »Ft« oder Das Recht auf Faulheit

Das Leben ist kein Garten Eden. Tagein, tagaus müssen drin­gende Dinge und anstehende Aufgaben erledigt und zahllose Pflichten erfüllt werden. Wir sind ge­fangen im im­mer gleichen Alltagstrott, ständig kommt ein Muss da­her, selten ein Kann, kaum ein Darf. Klingelt der Wecker, muss man aufstehen, sich anziehen, muss zur Arbeit gehen. Dort muss man pünktlich erscheinen, muss sozialen Kontakt zu Kollegen pflegen, muss pro­duktiv den Tag bezwingen. Nach Feierabend muss man nach Hause laufen, muss gesunde Dinge einkaufen, muss gegebenenfalls mit fast vergessenen Freunden trinken. All das scheint wichtig und irgendwie richtig, denn folgt man nicht dem Ruf der Pflichten, schreit das nimmermüde Gewissen: »Lerne, leiste, schaffe was, dann bist du, kannst du, hast du was!«

Fünf lange Tage sind vergangen, die Werktagswoche ist um. Während der eine eifrig weiter eilt – Termine an Termine reiht, von Verabredung zu Verabredung hastet, niemals ruht und auch nicht rastet, heut’ Kaffee mit Désirée, davor ein kurzer Brunch mit Hans, spä­­ter Stef­­fen treffen, die Yoga-Stunde nicht vergessen, am Abend geht es munter weiter, Theater, Tanz und Vernissage, Kino, Kunst und Vortragsreihe, derweil im­mer schön Kontakte knüpfen, die könnten später noch wem nützen –, fällt der andere kopfüber in die Kissen und bleibt dort auch so lange liegen, bis die freien Tage vorüber sind und der Wecker den Start in den Mon­tag ein­läutet. Das ist, freilich, ebenso vonnöten wie wonnevoll, denn nach Mühsal hilft nur Muße, und was gibt es Schöneres als das faule Leben. Ja, wie schön ist es doch, mal so richtig auszuspannen, sich gehen zu lassen und bedingungslos abzuhängen.

Dass freie Zeit eine feine und astreine Sache ist, wissen viele, und von den vielen auch einige bereits seit einer ganzen Weile. Bei den Römern war Horaz schon ganz schön helle und lebte für den Fall der Fälle, dass das Da­sein doch zu kurz sein könnte, getreu dem Grundsatz: »Genieße den Tag, verlasse dich möglichst wenig auf den folgenden.« Weil er ein weitsichtiger Zeitgenosse war, wusste Voltaire: »In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir die Gesundheit, um Geld zu erwerben; in der anderen opfern wir Geld, um die Gesund­heit wiederzuerlangen.« Ein Denker aus Bengalen mit dem langatmigen Namen Rabindranath Tagore meinte beratend: »Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.« Und ein mächtiger Mann, bekannt als Ronald Reagan, der konnte sich vor Arbeit kaum ret­ten und musste drum gestehen: »Es stimmt, dass Arbeit noch keinen umgebracht hat. Aber warum ein Risiko eingehen?«

Der Traum vom Faulsein und das Streben nach dem be­quemen Leben ist alt – aber auch außerordentlich aktu­ell. Denn Däumchendrehen wird in Zeiten des Leis­tungs­­lebens nicht gern gesehen. Stattdessen wollen und,mehr noch, sollen alle immer mehr leisten, immer schneller, immer effizienter sein. Das kommt nicht nur in elitären Sphären, im Büro, unter aufstrebenden Kol­legen vor, ist nicht nur bei Studenten und zukünf­ti­gen Absolventen zu sehen, sondern fällt auch in Alltagssituationen auf: Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön, eine Zugfahrt ist das beste Beispiel für den Zeitgeist. Kaum einer lässt die vorbeiziehenden Stunden ungenutzt verstreichen, alle sind eifrig, jeder ist fleißig. Die einen tippen geschäftig, die anderen telefonieren geschäftlich. Am Vierer schmökern sie in dicken Schinken, gegenüber sitzen Studenten und versinken in Vorlesungsvideos. Kaum einer, der nichts vor hat, kaum einer, der nichts vor sich hat. Nur selten wandern Blicke aus dem Fenster, über Hü­gel, über Felder, durch Wälder. Nur selten versumpft der Reisende im eigenen Gedankenmus oder lässt 
die Gedanken fliehen.

Dabei ist Nichtstun nicht nur die Weisheit derjenigen, die den Untergang von Narren miterlebt haben, son­dern auch besser, als mit viel Mühe nichts zu schaf­­fen. Wort­ge­wandte Lyriker und weltbekannte Denker sind sich einig, ja, George Meredith und Laotse stimmen über­ein. Nur einer hebt befangen den Zeigefinger, nur Os­car Wilde wirft warnend ein, dass das Garnichts­tun die allerschwierigste Beschäftigung sei, zugleich aber auch die, die am meisten Geist voraus­setze. Oscar Wilde hat zweifelsohne recht. Denn einerseits ist Nichts­tun auch ein Tun. Man kann nicht nichts machen, selbst der unermüdlich Faule, der Streber unter den Müßiggängern, der sich monatelang aufs Sofa legt, tut immer­hin das. Andererseits ist da die Angst vor der Langeweile. Aus ihr heraus handelt der moderne Mensch befangen, stets angetrieben von der Sorge, sich zu lang­weilen – oder noch schlimmer: selbst langweilig zu sein. Denn wer rastet, rostet, und niemand will, dass ihm sein Leben geschieht, während er teilnahmslos daneben steht und hilflos zusieht.

Das Leben nimmt so seinen Lauf, auch das Altern hört nicht auf, und mit den Zeiten ändern sich ebenso die ei­ge­nen Erwartungen. In strahlenden Kindertagen liegt das Glück vielleicht noch auf dem Rücken von Sat­tel­tieren. Später, dem Ponyhof entwachsen, stellt man ernüch­tert fest: So einfach ist das nicht. Das Glück der westlichen Welt liegt woanders. Es liegt in der stän­digen Geschäftigkeit, in der grenzenlosen Gestaltungsfähigkeit, im beruflichen Gelingen. Wer ein Schulterklopfen der Gesellschaft erwartet, der muss wenigstens den Versuch unternehmen, seinem Leben eine sinnvolle Form zu geben. Dagegen ist per se kein Einwand vorzubringen. Denn wer laufend die Seele baumeln lässt, wer unablässig an­triebslos ist, wer sich zeit­lebens nur treiben lässt, der kann sein Dasein auf Dauer kaum noch genießen.

Aber: Es gibt doch ein Aber. Zu viel wird gerackert, fast nur noch geackert, beflissen wie verbissen arbeitet man zu oft und auch zu lange. Dann kommt der Burnout oder eine andere Erkrankung, die den Eifrigen von der freiwilligen Plackerei befreit. Wer ein glückliches und geglücktes Leben führen will, braucht neben Disziplin und Drill eben auch ein Stündchen Ruhe, ein bisschen Gemütlichkeit. Lieber mal für eine Weile die Beine hochlegen, statt sich zeitlebens dem Diktat der destruktiven Selbststeigerung zu unterwerfen.

Weil mir für einen klugen Schluss die Worte fehlen, will ich faul sein und einfach die von anderen nehmen. Der schlaue Sokrates sprach, und mir hat’s gut gefallen: »Muße ist der schönste Besitz von allen.« Dostojewski war ein Genie, als er behauptete: »Einsamkeit und Faul­heit liebkosen die Phantasie.« Und zuletzt Franz Kafka, der viel schaffte, Worte nachts zu Büchern machte, der muss es doch am besten wissen: »Müßiggang ist aller Laster Anfang – und aller Tugenden Krönung.«

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